Wirtschaftskrise: Chance für die Familie
Ameranger Disput startet neues Forschungsprojekt

Pressemitteilung vom 19.02.2009
Internationale Bankenkrise, drastischer Einbruch der Wirtschaft, Massenentlassungen – das Ende aller Blütenträume von immerwährendem Wirtschafts- und Wohlstandswachstum oder nur der Tiefpunkt vor dem neuen Aufschwung? Prof. Meinhard Miegel, der neue Leiter des Ameranger Disputs der Ernst Freiberger-Stiftung, prophezeit das Ende einer auf Wachstum fokussierten Kultur der früh industrialisierten Welt. Die Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft will der Ameranger Disput jetzt wissenschaftlich untersuchen. Den Anfang macht die Studie „Familie, Bindungen und Liebe – Zukunft von Familienentwicklung in einer Welt ohne Wachstum.“

Die Wirtschaft ist eingebrochen, und das bringt die reichen Industrieländer in Schwierigkeiten: Wie können der drastische Absturz hochentwickelter Volkswirtschaften gedämpft und gleichzeitig die Weichen für eine Erholung der Konjunktur gestellt werden?

Zumindest für den zweiten Teil der Frage bleibt der renommierte Bonner Sozialforscher Prof. Meinhard Miegel skeptisch: Die internationale Finanz- und Bankenkrise markiert für ihn nicht nur die größte wirtschaftliche Herausforderung der Nachkriegszeit, sondern womöglich auch eine tiefgreifende kulturelle Zäsur: das Ende einer Welt immerwährender materieller Wohlstandsvermehrung und den Beginn einer neuen Ära ohne materielles Wachstum.
„Unsere Gesellschaft ist auf Wachstum programmiert“, sagte Miegel bei der Auftaktveranstaltung des „3. Ameranger Disputs“ der Ernst Freiberger-Stiftung in Amerang, die unter dem Motto „Familie und Liebe“ stand. „Wir können uns eine Welt ohne Wachstum überhaupt nicht vorstellen, so sehr haben wir uns daran gewöhnt. Wir sind gefangen in unserer Ideologie.“ 

Pionierarbeit der Stiftung

Miegel („Ich bin kein Systemkritiker und kein Ausstiegsphilosoph“) gilt als einer der streitbarsten populären Wissenschaftler in Deutschland. Er ist seit Jahren eng mit der Ernst Freiberger-Stiftung verbunden und beschäftigte sich bereits beim 1. Ameranger Disput mit der Entstehung und Bekämpfung von Arbeitslosigkeit. Bundesweit bekannt wurde Miegel durch zahlreiche Forschungsarbeiten des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG). Seit Oktober 2007 ist er Vorsitzender des Vorstands von „Denkwerk – Stiftung kulturelle Erneuerung“. Im Mittelpunkt seiner Arbeiten stehen Analysen der sich ändernden Rahmenbedingungen von Wirtschaft und Gesellschaft. Seine Bücher „Die deformierte Gesellschaft“ sowie „Epochenwende“ standen auf Bestseller-Listen.
Als neuer wissenschaftlicher Leiter des Ameranger Disputs will er mit Forschungen zum Thema „Leben ohne Wachstum“ Pionierarbeit leisten. Sie könnten aktueller nicht sein.
Über Jahrhunderte kam die Welt ohne rasantes wirtschaftliches Wachstum aus. Erst in der jüngeren Geschichte nahm das Tempo zu und beschleunigte sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts radikal. So soll es nach optimistischen Prognosen weitergehen: bis 2055 gemessen am Stand von heute sogar um den Faktor vier.
Realistisch ist das kaum. Miegel: „Neben einer unvorstellbaren Ressourcenvernichtung mit zunehmender Knappheit von Öl, Wasser und landwirtschaftlicher Fläche erleben wir derzeit einen enormen sozialen Wohlstandsverzehr mit einer Beeinträchtigung unserer gesellschaftlichen Stabilität.“
Schon lange nimmt in den reichen Industrieländern das Bruttosozialprodukt nur marginal zu – oder es sinkt real. Doch noch immer glauben mehr als 80 Prozent der Deutschen an die Automatik von höher, weiter, schneller. Fast genauso viele sind der Ansicht, eine Gesellschaft ohne Wachstum könne nicht überdauern. Für rund 60 Prozent der Bevölkerung ist „ohne Wachstum alles nichts.“

Je mehr Geld, desto besser?
„In einer Welt, in der es nicht immer mehr gibt, können wir offenbar nicht leben“, folgert Miegel, dessen Thesen vor allem zum demographischen Wandel und den Folgen dieser Entwicklung für die Sozialsysteme immer wieder kontroverse öffentliche Diskussionen auslösen. Sichere Arbeitsplätze, starke Sozialsysteme, weniger Armut und die Sicherung der freiheitlichen Demokratie – besonders in den früh industrialisierten Ländern hänge alles vom materiellen Status ab. „Je mehr Geld, desto besser.“
Geld als Allheilmittel: Fieberhaft arbeiten Regierungen in aller Welt an milliardenschweren Rettungsplänen, um die durch die internationale Finanz- und Bankenkrise ausgelöste Weltwirtschaftkrise zu bekämpfen – dem „Plan A“, so Miegel. Was aber, wenn sich alle Hoffnungen zerschlagen, die Maßnahmen scheitern, die Krise mit traditionellem Denken nicht beherrschbar ist? Gibt es einen „Plan B“?
„Darüber wird nicht nachgedacht“, glaubt Miegel, „und wenn, dann wird darüber nicht gesprochen.“ Mag der Aufschwung nach dem Absturz kommen – sicher für ihn ist: „Die nächste Krise wartet schon – und sie wird heftiger ausfallen als die vorherige.“

„Sinnvolles“ statt „materielles Wachstum" Umso dringender ist für ihn die Frage, „ob immerwährendes Wachstum eine verlässliche Grundlage unserer Gesellschaft sein kann“? Konkret: Wie kann „rein materielles“ durch „sinnvolles“ Wachstum ersetzt werden – das Generalthema des Ameranger Disputs in den kommenden Jahren. Möglichen Lösungen will sich der Disput in drei Etappen nähern. Die Zukunft der Familie, die Zufriedenheit und das Glück des Individuums in einer Gesellschaft angesichts stagnierenden oder nachlassenden Wirtschaftswachstums ist der Startpunkt. Im zweiten Schritt sollen die möglichen Auswirkungen einer solchen Entwicklung auf die staatliche Funktionsfähigkeit, im dritten und letzten Schritt Folgen für die Struktur der Wirtschaft untersucht werden.
Der Familie, so Stiftungsgründer Ernst Freiberger, kommt eine besondere Bedeutung zu. „Gerade in schlechten Zeiten rücken die Menschen zusammen, um sich zu helfen und zu stützen. Wie Deutschland aus der aktuellen Wirtschaftskrise herausgehe, werde auch von der Familienpolitik abhängen, sagte Freiberger in Amerang vor zahlreichen Gästen, darunter Bundesfamilienministerin Dr. Ursula von der Leyen. „Mit der Familie steht und fällt die Zukunft unseres Landes. Denn wenn schon nicht die kleinste Zelle unserer Gemeinschaft funktioniert, wie soll dann erst die Gesellschaft funktionierten?“
Noch ist Hoffnung: Die Zahl der Geburten steigt, aber für zu großen Optimismus besteht deshalb nach Auffassung der Familienministerin "kein Grund zur Euphorie", jedoch "ein Grund zur Zuversicht". Die Annahme, Familienpolitik sei in konjunkturell rauen Zeiten nachrangig, sei falsch, vielmehr sei sie die "Voraussetzung für Wachstum und Wohlstand".

Mehr Partner für ein Leben Wie sich die „Familie in einer Welt ohne Wachstum“ verändert, ist das Thema des renommierten Familiensoziologen Prof. Hans Bertram von der Berliner Humboldtuniversität. Im Auftrag des Ameranger Disputs untersucht er die Zukunft von Familienentwicklung in einem internationalen Vergleich.
Erste Annahmen: Junge Erwachsene, die sich für Kinder entscheiden, werden kaum anders leben als heute. Die größeren Änderungen gibt es für die Älteren. Für ein Kind, das heute geboren wird, stehen die Chancen eins zu eins, dass es hundert Jahre alt wird. Bertram: „Da stellt sich zum Beispiel die Frage, wie lange man dann wohl mit einem Menschen zusammenbleibt, in den man sich mit 25 verliebt.“

Bertram hält „häufigere Lebensphasen mit unterschiedlichen Partnern“ für wahrscheinlich, „aber das wissen wir nicht, denn das ist evolutionär eine völlig neue Situation“.
Möglicherweise würden in den Großstädten noch weniger Familien leben. Konsequenz: „Die Gesellschaft könnte sich in Regionen spalten, wo es Kinder gibt und Regionen, wo es keine Kinder gibt.“ Viel ungewisser sei, was mit den Menschen ab 50 passiert. „Dann wird es vier Generationen gleichzeitig geben – wie die miteinander auskommen, wer da wen pflegt und unterstützt, das sind in Zukunft die spannenden Fragen.“

+ zurück