1989 und kein Ende - aber die Freiheit kann
nicht lange genug gefeiert werden
Berliner Morgenpost vom 14. Oktober 2009
Posaunenschall im Atrium des Bundesinnenministeriums. Die Festversammlung lauscht den Bläsern, die eine für Sopran und Blockflöten geschriebene Arie J.S. Bachs in fülliger Terzen-Süße ausbreiten.
Der Hausherr hoch droben hätte seine Freude am Text: "Schafe können sicher weiden, wo ein guter Hirte wacht! / Wo Regenten wohl regieren, / kann man Ruh' und Friede spüren / und was Länder glücklich macht!"
Aber nicht zum Lobpreis staatlicher Sicherheitspolitik hatte man sich versammelt, sondern zum Gedenken an jenen Moment in der deutschen Geschichte, wo der Aufruhr gegen illegitime Ordnungsgewalt die eigentliche, die rechte Ordnung wiederherstellte und zur glücklichen Wiedergewinnung der Freiheit führte. Erinnerung an den Herbst 1989 und kein Ende, aber was macht das? Die raren Augenblicke, auf die wir Deutsche ohne Wenn und Aber stolz und froh zurückblicken, können gar nicht lang genug gefeiert werden. Denn die Mühen der Ebenen überwindet man nicht mit Trübsal im Herzen.
An der "Straße der Erinnerung", am Spreeufer in Moabit, dort, wo einst die Hugenotten siedelten, die um der Religionsfreiheit willen in Preußen neue Heimat gesucht hatten, wurde ein Denkmal für die Freiheitsbewegung von 1989 enthüllt. Wie es aussieht, habe ich nach einem Atelierbesuch bei dem Bildhauer Rolf Biebl in einem früheren "Tagebuch" geschildert: Ein nackter Mann springt durch eine Mauer, die sich wundersam öffnet. Physikalisch unmöglich und dennoch glaubwürdig: eine Allegorie auf das Wunder im Herbst 1989, wo den gewaltlosen Menschenleibern zuerst die feindseligen Bewaffneten und am Ende die vorher undurchdringliche Schandmauer weichen mussten.
Einer der Wortführer von damals, Joachim Gauck, hielt eine bewegende Rede: "Wir sind das Volk! Vier Wörter. Man wird in der deutschen Politikgeschichte lange einen besseren und einen schöneren Satz suchen, und man wird ihn nicht finden. Weil er so voller Kraft ist und so voller Würde. Weil ihn Menschen erfunden haben, die 56 Jahre daran gewöhnt waren, gehorsam zu sein."
Dann wanderte man ans Spreeufer, für einen Augenblick strahlte die Sonne, bevor der nächste Schauer kam. Das Tuch über dem Denkmal fiel herab, die Bläser intonierten die Nationalhymne. Und die Festversammlung sang kräftig, als hätte sie's einstudiert.
"Es-Dur! Nichts sonst", sagte mir der Hornist, als ich ihn fragte, worin das Geheimnis erfolgreichen patriotischen Chorgesanges versteckt sei.
