Der Bayer mit Herz für Berlin

Berliner Kurier vom 19.07.2010
Es war Glück, dass die kleine, bankrotte Pizzabäckerei in Berlin stand. Andernfalls wäre Ernst Freiberger woanders gelandet. Doch genau hier, im roten Backstein-Gemäuer am Altmoabiter Spreeufer, fand er auf 800 Quadratmetern den Grundstein, der zu Europas größter Pizzafabrik wachsen sollte. Hier hat er den "Spree-Bogen" errichtet, wo Bronzeköpfe aufgereiht sind zu einer "Straße der Erinnerung". Vom Pizzabäcker zum Millionär. Vom Dorfjungen aus Bayern zum Bauherren, der Berlin nach der Wende seinen steinernen Stempel aufdrückte wie kein anderer. "Gründerzeit ist immer", sagt der Unternehmer.

Die Sonne brennt. Dunkel heben sich die Bronzeköpfe vom gleißenden Licht ab. Ernst Freiberger verharrt vorm Denkmal von Albrecht Haushofer. Dem ersten, das ihm am teuersten ist. Mit kraftvoller Stimme liest er die Verse auf der Stele. Als wäre er jetzt bei ihm. In der Moabiter Gefängniszelle, wo der Häftling mit Bleistift Worte auf Stullenpapier aneinander reiht. Gedanken über Heimat, Schuld, über späte Einsicht. Nur ein paar Hundert Meter von hier wurde der Widerstandskämpfer in der Nacht zum 23. April 1945 erschossen, hinterrücks. Als ihn sein Bruder fand, hielt die Hand des Toten ein Bündel Papier: die "Moabiter Sonette". Für Freiberger ist dieser Deutsche, der den Nazis trotzte, ein "Held ohne Degen".

Als der Unternehmer Freiberger 1998 sein Pizza-Imperium verkauft hatte, machte er sich zu einer Weltreise auf, die zwei Jahre dauern sollte. 85 Länder, 400 Stopps. Wo immer er ankam, stieg er in ein Taxi, stellte immer dieselbe Frage: "Ich komme aus Deutschland, was weißt du von meinem Land?" Die Antworten unterschieden sich nach den Kontinenten.

"Beckenbauer", hörte er in Lateinamerika. Und Schiffer, Schumi ... Doch eine Antwort bekam er immer, egal wo er war: "Hitler."

"Es kann doch nicht sein, dass die Geschichte eines Volkes an einer Figur und elf Jahren festgemacht wird", sagte er sich. Er wollte das gute Deutschland zeigen, suchte Persönlichkeiten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Den Architekten Mies van der Rohe. Den Computer-Erfinder Konrad Zuse. Den Dichter Thomas Mann. Den Hitler-Attentäter Georg Elser. Und schuf ihnen das Denkmal, das sie nicht hatten. So gab er seinem Land etwas Wertvolles zurück: die Erinnerung. Auch dafür steht die Ernst-Freiberger-Stiftung. Gegen das Vergessen.

In den vier Wänden der einstigen Pizzabäckerei ist heute das Restaurant seines Hotels Abion. Im "Spree-Bogen" mietete sich das Bundesinnenministerium ein. Das Bolle-Fabrik-Gelände, das Freiberger kaufte und für 500 Millionen Mark zum Kleinod herrichtete, hatte er eine Woche vor dem Mauerfall an Land gezogen. Wieder so ein Glücksfall.

Der Stadtlärm ist weit weg, verschluckt von der Spree. Freiberger lauscht dem Rauschen des Wassers: "Es kann negative Geräusche wegzaubern."

Auf der baumbepflanzten Dachterrasse seiner Wohnung im 7. Stock mit Blick auf die Goldelse und den Mercedes-Stern vom Europacenter erinnert sich Ernst Freiberger an die Gerüche seiner Kindheit in Amerang, dem 1500-Seelen-Dorf im Chiemgau. "Wenn der alte Meister Russwurm den Huf des Ackergauls hielt, um das Eisen aufzubrennen. Wenn der Schuster Flori Leder für die Sohlen schnitt." Diese Gerüche seien für die Kinder heute verloren. Bedauern schwingt mit.

Sein Vater, gerade 15 und Vollwaise, hatte die elterliche Bäckerei im Ortskern von Amerang 1943 geerbt. Mit 22 ehelichte er die Tochter des Wirts. Zwei Köpfe voller Ideen. Im kleinen Holzhaus neben der Bäckerei wurde Eis gemacht. "In einer Badewanne rührte Anni, unsere Haushälterin, die Masse an. Mit einem Miele-Motorrad wurden die Konditoreien abgeklappert. An Wochenenden wurde in Ausflugslokalen ordentlich ,Zeche’ gemacht, um die Wirte freundlich zu stimmen. Am Ende des Tages hatte Vater die Eis-Verträge in der Tasche." So wuchs Bub Ernst in den 50er Jahren auf. Wusste genau, was er werden wollte: Unternehmer. Indes mauserte sich "EFA"-Eiskrem zur Nr. 3 in Deutschland.

Ein Kreis schließt sich. Freibergers Älteste findet zurück zu den Wurzeln. Felicitas (27) will in Prenzlberg eine Eisdiele eröffnen. "Ich mache mich selbstständig", verkündet die bildhübsche Frau mit dem langen Blondhaar. Ernst Freiberger guckt stolz auf seine Tochter.

In Gedanken ist er beim Vater, dem er vor mehr als drei Jahrzehnten bewies, wie ernst er es meinte mit der eigenen Pizzabäckerei an der Spree, die gerade mal 20 Mitarbeiter zählte. Wie er im Ford Escort, den er gegen seinen schicken Porsche tauschte, zum Laden bretterte, um 16 Stunden am Tag das Pizza-Geschäft zu lernen, das ihm schließlich zu Reichtum verhalf.

Ein Bayer, der sein Glück in Preußen machte. Der die Berliner mag, "ihre Respektlosigkeit, das Direkte". Ein Mann, der alles kann? "Es ist eine Frage der Energie. Man muss am Ball bleiben. Wie beim Bergsteigen. Von unten sieht man den Gipfel. In der Wand verschwindet das Ziel. Man geht trotzdem weiter."

Im August wird er 60. Sein Wunsch klingt bescheiden: "Mit der Restlaufzeit vernünftig umgehen." Wer ihn kennt, weiß, dass er Großes plant.

Autorin: Irina Schrecker

Artikel online erschienen unter: 
Berliner Kurier

 

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