Ein Stadtquartier für 300 Millionen Euro
Die Welt, Berlin vom 08.09.2011
Das Forum Museumsinsel der Freiberger-Gruppe ist das größte private Bauvorhaben Berlins – und ein beeindruckendes Projekt.
Mit seinen Geschäften, Restaurants und Cafés soll das neue Viertel eine Schnittstelle von Kultur und Szene bilden
Vor dem Bodemuseum an der Spitze der Museumsinsel stehen Berliner und
Touristen Schlange, um sich die „Gesichter der Renaissance“ anzuschauen. 300 Meter weiter an der Oranienburger Straße sorgen Sehenswürdigkeiten wie die Neue Synagoge, das Tacheles oder die C/O Galerie im prächtigen Postfuhramt neben vielen Bars, Restaurants und Cafés für quirliges Leben. Und dazwischen? Das riesige Geviert zwischen Monbijou- und Tucholskystraße, zwischen Oranienburger Straße und Spree, eines der zentralsten Quartiere in der historischen Mitte Berlins, liegt völlig ausgestorben und vergessen im Abseits. Das soll sich ändern.
Der Unternehmer Ernst Freiberger, der das Gelände zwischen 2001 und
2007 zusammengekauft hat, will dort bis 2014 auf rd. 110 000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche hochwertige Wohnungen mit Dachterrassen und Büros, ein Vier-Sterne-Hotel sowie eine Markt- und Ausstellungshalle, Einzelhandel und Gastronomiebetriebe errichten. Außerdem wird die Telekom Räume für eine internationale Akademie anmieten. Gesamtes Investitionsvolumen: rund 300 Millionen Euro. Es ist das größte private Bauvorhaben der Stadt. Zum Forum Museumsinsel zählen kunsthistorisch bedeutsame Gebäude aus drei Jahrhunderten. Darunter sind das älteste Logenhaus Berlins (1789-1791), die von Martin Gropius entworfene Charité-Frauenklinik (1879-1883) im Stil der Neorenaissance, das neobarocke Haupttelegraphenamt (1910-1916) sowie die ebenfalls einst zur Charité gehörenden Häuser Monbijou (1902-1906) und Ida Simon (1908-1910). Die Architektur des 20. Jahrhunderts ergänzen zudem das Fernsprechamt (1925-1927), das im Stil des monumentalen Art-deco-Expressionismus gebaut wurde, sowie die im strengen Bauhausstil errichtete neue Charité-Frauenklinik (1929-1932).
Mit der Umsetzung des Projekts hat Freiberger zwei international renommierte
Architekten beauftragt. Sir David Chipperfield, der auf der benachbarten
Museumsinsel dem Neuen Museum durch seinen mehrfach preisgekrönten
Um- und Ausbau neues Leben eingehaucht hat, ist für das Gropius-Ensemble, in das bereits im Herbst kommenden Jahres die „Telekom School of
Transformation“ einziehen wird, verantwortlich. Das Baudenkmal soll unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes erneuert und durch ein modernes Gebäude direkt an der Spree vervollständigt werden. Zudem wird Chipperfield auch die von Walter Wolff errichtete neue Frauenklinik umbauen. In dem „Das
Bauhaus“ genannten Gebäude an der Ziegelstraße sollen zehn zweigeschossige Stadtwohnungen entstehen.
Das Berliner Architektenbüro Patzschke & Partner (Hotel Adlon), ist zuständig für die Neugestaltung des Simon-Palais und der Residenz Monbijou, in der im Erdgeschoss ein Literatur-Café entstehen soll, sowie in den oberen Etagen rund 20 repräsentative Wohnungen. Freiberger will die Wohnungen nicht verkaufen, sondern vermieten – zu einem marktüblichen Preis, wie er betont. Der liegt in dieser Gegend bei vergleichbaren Objekten bei etwa 20 Euro pro Quadratmeter.
Zudem wird das Büro Patzschke den Umbau des imposanten Haupttelegrafenamtes in einen Büro- und Hotelkomplex verantworten. Das Hotel, das die Freiberger-Gruppe selbst betreiben will, soll 200 Zimmer in der Vier-Sterne-Kategorie erhalten, zudem einen Wellness- und Konferenzbereich. Ferner soll es Geschäfte, Restaurants und einen Biergarten geben. „Wir wollen zwar viel verändern – dabei werden wir jedoch mit den Baudenkmalen äußerst verantwortungsvoll und behutsam umgehen“, versprach der Investor Ernst Freiberger. Entsprechend habe man auch die Architekten ausgewählt, die „im Umgang mit historischer Bausubstanz ausgewiesene Experten sind“.
Im Herzen des neuen Stadtquartiers, auf dem eigentlichen „Forum Museumsinsel“, das mit seinen 8000 Quadratmetern ungefähr so groß ist wie der Bebelplatz, will Freiberger sich jedoch selbst ein architektonisches Denkmal setzen. Der 61-Jährige plant dort den Bau einer kombinierten Markt -und Ausstellungshalle auf einer Grundfläche von rund 2500 Quadratmetern. Während die Pläne für das Erdgeschoss schon recht konkret sind – der Münchner Feinkosthändler Käfer will den Betrieb übernehmen und dort neben mediterranen Spezialitäten vor allem Produkte aus der Region anbieten – ist noch völlig offen, wie die Kunsthalle im Obergeschoss aussehen soll. Nichts weniger als ein „architektonisches Wahrzeichen des 21. Jahrhunderts“
schwebt Freiberger, der einst mit Tiefkühlpizzas sein Vermögen begründete,
vor. Gezeigt werden soll dort ein Ausstellungsprojekt mit dem Arbeitstitel
„Mobile Zeiten“. Den Architekten für dieses Wahrzeichen sucht der Unternehmer, der in Berlin in den 90er-Jahren den Spreebogen auf dem Gelände der alten Bolle-Meierei errichtete und an das Innenministerium
vermietete, allerdings noch (siehe Interview). Konkret wiederum sind jedoch die Pläne für den öffentlichen Platz, der vor dem neuen Museum entstehen sollen. Durch die Öffnung des ehemaligen Innenhofes zur Ziegelstraße entsteht eine Eventfläche, die nach den Vorstellungen Freibergers je nach Jahreszeit als Weihnachtsmarkt, Eislauffläche, für Freiluftkonzerte oder andere Großveranstaltungen genutzt werden soll.
„Es passiert vielleicht alle 100 Jahre einmal, dass mitten im Zentrum einer
Stadt ein so großes Projekt beginnen kann“, hob der frühere Berliner Senator,
heutige Präsident der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar und Berater des Projekts, Christoph Stölzl (CDU), die Bedeutung des Bauvorhabens für Berlin als Stadt hervor. Vergleichbar hätten nur das Rockefeller Center in New York oder das Centre Pompidou in Paris zu der kompletten Neuausrichtung eines Viertels beigetragen. Mit seinen Geschäften, Restaurants und Cafés werde das neue Quartier eine Schnittstelle von Kultur und Szene bilden, so Stölzl.
"Projekt ist wie die blaue Mauritius "
Ernst Freiberger zu den Plänen
DIE WELT: Herr Freiberger, vor zehn Jahren haben Sie das Areal zwischen
Spree und Oranienburger Straße erworben. Wieso erst jetzt der Baubeginn?
ERNST FREIBERGER: Für so ein großes Projekt ist das keine lange Zeit. 2001 haben wir zunächst nur den nördlichen Teil des Areals zwischen Ziegelstraße
und Oranienburger Straße erworben, erst 2007 konnten wir auch den Bereich
zwischen Ziegelstraße und Spree dazukaufen. Bis Mitte 2010 hat zudem noch
die Charité Gebäude auf dem Areal genutzt.
DIE WELT: Die Finanzkrise hat keine Rolle gespielt?
ERNST FREIBERGER: Wieso Krise? Als wir 2001 den ersten Teil des Areal gekauft haben, haben mich alle für blöd gehalten, weil ich in langweilige
Bausteine investiert habe und nicht in die New Economy. Tja, wie schön, dass
ich da nicht mitgegangen bin, ich mag mir gar nicht vorstellen, wie unser Familienunternehmen heute aussähe… 2007 war es dann schon wieder so, dass alle lieber in spektakuläre Finanzprodukte investiert haben, ich dagegen wieder in Steine. Das Ergebnis ist bekannt. Im Unterschied zu vielen anderen Projektentwicklern bauen wir auch hauptsächlich mit eigenem Geld und nicht mit der Maßgabe, möglichst schnell gewinnbringend weiterverkaufen zu müssen. Solche Konstrukte sind riskant, wenn der Markt eine Delle kriegt und man trotzdem das Fremdkapital bedienen muss. Für mich ist das Forum Museumsinsel wie eine Blaue Mauritius. Die legt man sich hin und bewahrt sie und verkauft sie nicht gleich wieder.
DIE WELT: Sie haben lange ein Geheimnis darum gemacht, mit welchen Architekten Sie zusammenarbeiten werden…
ERNST FREIBERGER: Das war keine Heimlichtuerei, sondern ein Prozess, den wir in der Familie besprochen haben. Wir sind ja ein Privatunternehmen,
müssen keine Ausschreibung machen. Aber meine drei Frauen, meine beiden erwachsenen Töchter und meine Frau, haben da ein Wörtchen mitzureden.
DIE WELT: Am Anfang war von Helmut Jahn die Rede, jetzt haben Sie verraten, dass Sie David Chipperfield und die Brüder Patzschke beauftragt haben. War Jahn zu modern?
ERNST FREIBERGER: Ach was. Es stimmt zwar, ganz am Anfang hatten wir auch einen Entwurf von Helmut Jahn vorliegen, da ging es aber nur um das zuerst gekaufte Grundstück und das Konzept war noch ein völlig anderes, da ging es hauptsächlich um Büros. Wir hatten im Übrigen auch noch zu vielen anderen Architekten Kontakt. Die Entscheidung für Chipperfield und Patzschke ist uns leichtgefallen, das Bauvorhaben ist wie geschaffen für die beiden Büros.
Artikel und Interview: Isabell Jürgens
