"Die Kernfamilie bleibt"
Bayernkurier vom 05.02.2011
„Familie und Liebe“ heißt ein groß angelegtes Forschungsprojekt der Ernst Freiberger-Stiftung in Amerang im Chiemgau. „Die Zukunft der Familie entscheidet über die Zukunft der Menschheit, so Holding-Chef und Stiftungsvorstand Ernst Freiberger. 34 Wissenschaftler aus aller Welt sollen sozusagen eine vergleichende Bilanz der Familie vorlegen: Wie organisieren Menschen in unterschiedlichsten Weltgegenden ihre familiären Strukturen? Wie sichert man weltweit familiäre Fürsorgeleistungen für Kinder und Alte?
Amerang – Wie reagieren Familien-Kulturen in aller Welt auf demographischen Wandel? Um Existenzfragen ging es beim 3. Ameranger Disput der Ernst Freiberger-Stiftung.
Mit der Liebe verhält es sich wie mit der Färbung der roten Tiefseegarnele, meint der Philosoph Richard David Precht. In der Tiefsee-Finsternis nützt der Garnele die Färbung nichts. Aber sie schadet ihr auch nicht. Drum hat der Evolutionszufall sie ihr erst geschenkt und dann gelassen. Auch die Liebe nütze den Menschen evolutionär gesehen nichts, sagt Precht. Zur gemeinsamen Aufzucht des Nachwuchses brauche man sie jedenfalls nicht. Schon darum nicht, weil die Emotionswallungen der Liebe allenfalls zwei bis drei Jahre anhalten könnten, wie Biochemiker herausgefunden haben wollen. Aber auch die Liebe schadet offenbar nicht und blieb den Menschen darum erhalten.
Prechts Aperçu war amüsanter Einstieg in ein ernstes Thema. „Familie und Liebe“ heißt ein groß angelegtes Forschungsprojekt der Ernst Freiberger-Stiftung in Amerang im Chiemgau. „Die Zukunft der Familie entscheidet über die Zukunft der Menschheit, so Holding-Chef und Stiftungsvorstand Ernst Freiberger. 34 Wissenschaftler aus aller Welt sollen sozusagen eine vergleichende Bilanz der Familie vorlegen: Wie organisieren Menschen in unterschiedlichsten Weltgegenden ihre familiären Strukturen? Wie sichert man weltweit familiäre Fürsorgeleistungen für Kinder und Alte? Ziel des großen interkulturellen Vergleiches ist es, aus besonders gelungenen Lösungsansätzen zu lernen, betont Christoph Stölzl, Historiker und Sprecher der Ernst Freiberger-Stiftung. Beim Ameranger Disput zogen sieben der beteiligten Wissenschaftler kürzlich eine Zwischenbilanz.
Die Kernfamilie – Vater, Mutter, Kinder – sei ein Auslaufmodell, meinte wieder Precht, selber bekennender Patch-Work-Familienmensch mit einem leiblichen Kind und drei Stiefkindern. „Die Großfamilie kommt wieder“, zu der dann auch Freunde gehören. Überhaupt sei Freundschaft das künftige Modell für den „Familien“-Zusammenhalt. „Familie wird immer mehr Wahlfamilie.“
Aus dem zur Diskussion geladenen Publikum schüttete Bayerns ehemaliger Wirtschaftsminister Otto Wiesheu eine kräftige Portion Wasser in Prechts Wein: Freunde gehörten üblicherweise der gleichen Generation an, Konfliktthemen werden in Freundschaften ausgespart. In der Familie komme man dagegen um Konflikte nicht herum, müsse man über alles reden, über drei Generationen hinweg. Wo bleibe überhaupt ein entscheidendes Stichwort: Verantwortung? Wiesheu: „Die Familie ist unersetzbar, die Kernfamilie bleibt.“
Die Familien-Soziologin Rosemarie Nave-Herz erledigte auf historisch sicherem Boden den Mythos von der heilen Großfamilie in vorindustriellen Zeiten. Die gab es kaum, weil die Leute dafür früher einfach nicht lange genug lebten. Auch Kinder gab es wenige, weil viele früh starben. Wer lebte, sorgte für seinen und seiner Familie Unterhalt selber, so lange er konnte. Wo der Altbauer doch alt wurde, waren schwere Vater-Sohn-Konflikte die Regel. Nave-Herz: „Die alte Generation hatte zumeist kein unbekümmertes Leben.“ Heute sei es für die Alten auch darum leichter, weil sie später alt werden: „70-Jährige sind heute so rüstig wie 60-Jährige vor dreißig Jahren. Erst ab Mitte 80 kämen sie in die „Phase notwendiger Hilfen“. Bis dahin sei die Großelterngeneration häufig nicht Fürsorgeempfänger, sondern Fürsorgegeber – für Enkel, eigene Eltern und Schwiegereltern.
Eine Belegschaft aus allen Altersklassen
Der Wiener Bevölkerungsökonom Thomas Fent brachte die frohe Botschaft, dass es seit dem Jahr 2000 auch in Europa mit der Fertilität wieder aufwärts gehe. „Die demographischen Untergangsprophetien bestätigen sich nicht.“ In puncto Alter riet er zum Umdenken. Weil die Alten immer älter würden, hätten wir für das ganze Leben viel mehr Zeit, für alles, auch zum Arbeiten. Beim Pensionszugang sei es der Gesellschaft jedoch noch nicht gelungen, sich an die neue Situation anzupassen: „Die Erwerbsquote der Älteren muss wachsen.“ Das könne auch den Arbeitgebern nutzen: „Eine optimale Belegschaft kommt nicht aus nur einer Generation, sondern weist die gesamte Altersbandbreite auf.“
In Japan, dem Land mit dem höchsten Anteil an über 65-Jährigen und der am stärksten überalterten Gesellschaft, ist die Ehrfurcht gegenüber dem Alter und den Eltern traditionell besonders hoch, berichtete der Japanologe Sepp Linhart. Ein langes Leben ist einer der wichtigsten Werte. Allerdings nehme jetzt mit der wachsenden Zahl der Alten die Achtung vor dem Alter spürbar ab. Bei der Altenpflege gehen die Japaner neue Wege: Roboter kommen zum Einsatz, es gibt Tagesbetreuungsstätten für Alte und Kinder gemeinsam.
Bei den Tuareg in Niger bedeuten mehr Kinder weniger Arbeit bei Kamelzucht und Karawanenhandel, erläuterte der Soziologe und Ethnologe Gerd Spittler. Die Kleinen helfen ab dem dritten Lebensjahr mit und werden von älteren Geschwistern angelernt. Die Schule bleibt dabei auf der Strecke, besonders die Reichen wehren sich dagegen: „Wenn man viele Kamele hat, hat man Vernünftigeres zu tun, als in die Schule zu gehen.“ Und die Alten? Bei der Hochzeit zieht der Tuareg ins Haus seiner Schwiegermutter.
Was kann man aus alledem lernen? „Dass wir uns zwingen müssen, unsere Vorstellungen von Familie radikal in Frage zu stellen und Dinge zur Kenntnis zu nehmen, die zu unserer Erfahrung völlig quer liegen“, meint der Berliner Mikrosoziologe Hans Bertram. Und dass der Staat den Menschen genug Raum lassen muss, existentielle Fragen selber zu entscheiden. Allgemeingültige Lösungen gibt es nicht, nur ein ganz altes Dilemma, wusste ein pensionierter Diskussionsteilnehmer: „Alt werden ist nicht lustig. Aber es gibt nur eine Alternative: jung sterben. Und das will keiner.“
Artikel von Heinrich Maetzke erschienen unter:
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