Die Migration als Chance sehen

OVB vom 16.06.2009
Deutschland und Europa müssen in Sachen Einwanderung massive Anstrengungen unternehmen. Darüber gab es beim "Ameranger Disput" der Ernst- Freiberger-Stiftung keinen Zweifel. Forscher aus den USA und Europa diskutierten dort mit Politikern und Betroffenen das Thema Migration leben - Chancen und Herausforderungen.

Amerang - Schätzungsweise 150 Millionen Menschen leben weltweit als Migranten in einem fremden Land. Was dies für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik vor allem in den USA und Europa bedeutet, damit haben sich Fachleute aus beiden Kontinenten im Rahmen der «Transatlantic Academy» (TA) in Washington, die unter anderem von der Zeit- und der Bosch-Stiftung getragen wird, zehn Monate lang beschäftigt. Ihre Ergebnisse werden sie diese Woche in Berlin offiziell vorstellen, zuvor aber waren die Professoren und Stipendiaten in Amerang bei Ernst Freiberger zu Gast.

Regelmäßig beschäftigt sich seine Stiftung im «Ameranger Disput» mit wichtigen Weltthemen. Dass «Migration» zu diesen gehört, stand für alle Teilnehmer außer Zweifel. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion wurde nach den Chancen und Herausforderungen von Einwanderung vor allem auch für Deutschland gesucht.

Wohl prominentester Podiumsteilnehmer war dabei Cem Özdemir, Bundessprecher der Grünen, bisher EU-Parlamentarier und «schwäbischer Anatole», wie er seinen Migrationshintergrund beschreibt. Seine Forderung, dass Deutschland akzeptieren müsse, ein Einwanderungsland zu sein und endlich entsprechende Regelungen treffen müsse, um vor allem auch für die gut ausgebildeten Einwanderer attraktiv zu werden, fand von den Fachleuten volle Unterstützung: «Dass immer weniger Einwanderer Deutsche werden wollen, sollte uns beunruhigen, nicht die Einwanderung», so Özdemir.

Für die TA hatten zu Beginn der Diskussion Professor Dr. Dieter Thränhardt, Migrationsforscher von der Uni Münster, und sein Kollege Jonathan Laurence (Boston College) einige Ergebnisse der Studie zusammengefasst, die auch Impulse für die aktuelle politische Diskussion geben will. Die USA seien zwar prinzipiell einwanderungsfreundlicher, forderten aber deutlich mehr Integrationsanstrengung vom Einzelnen, war dabei eine der Aussagen. Das sei in den Wohlfahrtsstaaten der EU anders, wo dafür weniger Migranten im illegalen Bereich landen. Der nahm in den USA bis zur Wirtschaftskrise laufend zu, während er in Europa auch durch die EU-Erweiterung und den Fall vieler Grenzen eher an Bedeutung verliert, denn europäische Länder hätten vor allem eine «europäische Migration», während in den USA traditionell Menschen aus aller Welt ihr Glück suchten, so Dr. Thränhardt.

Auf eigenem Migrationshintergrund konnten neben Özdemir zwei weitere Podiumsteilnehmer von Erfahrungen berichten. Dr. Nivedita Prasad, in Deutschland lebende Inderin und Sprecherin der Ban Ying Beratungsstelle gegen Menschenhandel in Berlin, beklagte weiterhin spürbaren Rassismus in Deutschland. «Die Menschen müssen sich aber wohlfühlen, um bleiben und ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten zu wollen.» Die BRD behindere dies auch durch ein sehr unflexibles System etwa bei der Arbeitserlaubnis. Dies sei «engstirnig», so Dr. Prasad. Briand Bingül ist Journalist beim Westdeutschen Rundfunk. Seine Erfahrung: «In den USA hat jeder irgendwelche internationalen Wurzeln, das ist selbstverständlich. In Deutschland dagegen wird immer noch gefragt: Wann gehst du zurück?»

Trotzdem taugten die USA nicht unbedingt als Modell in Sachen Migration, so die Forscher. In der Summe seien die Probleme dort sogar größer als in Deutschland, wo es inzwischen «positive Bewegung» gebe, wie Professor Thrändhardt meinte.

Wo die hingehen könnte und müsste, das skizzierten die Podiumsteilnehmer am Ende. So war für Cem Özdemir ein «radikal reformiertes» Bildungssystem, das Kinder unabhängig vom Bildungshintergrund der Eltern fördere, entscheidend. Dazu verlangte er einen freizügigeren Arbeitsmarkt und eine Vereinfachung des Einbürgerungsverfahrens: «Wir haben schon sehr viel Zeit vertan», mahnte er.

Die doppelte Staatsbürgerschaft war auch für Birand Bingül wesentlich, der sich gleichzeitig an die Migranten wandte. Deren Organistionen spielten nicht immer eine glückliche Rolle: «Deutsche Einwanderer müssen künftig mehr für die Gesellschaft tun, in der sie leben.» Flexibilität bei Visa und Staatsbürgerschaft und eine differenziertere Betrachtung der Migranten, die ja bezüglich Bildung, Integrationsbereitschaft und Einwanderungsmotiven sehr unterschiedlich seien, wünschte sich Dr. Prasad.

Angeschnitten wurde schließlich auch die Bedeutung der Religionen im Migrationsprozess. Hier plädierte zum Abschluss Gastgeber Ernst Freiberger für mehr Toleranz auf allen Seiten - vielleicht so, wie es die «Kapelle der Weltreligionen» auf seinem Anwesen in Amerang symbolisieren möchte: Sie will Angehörigen aller Glaubensrichtungen einen Platz zum Gebet bieten.

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