Das Verfallsdatum der Liebe
focus online vom 20.11.2010
Im Rahmen des Forschungsprojektes „Familie und Liebe“ widmen sich renommierte Wissenschaftler den verschiedenen Aspekten der Familienkultur. Ihre Zwischenbilanz ist ernüchternd. Sinkende Geburtenzahlen, hohe Scheidungsquoten, Patchworkfamilien – das sind Schlagworte, die das Bild der Familie im 21. Jahrhundert bestimmen. Die traditionelle Großfamilie, so scheint es, gehört ebenso der Vergangenheit an wie die Konstellation Kleinfamilie. Wie aber ändern sich die Lebensbedingungen mit dem Wandel der Familienstrukturen? Welche Rolle spielen Bindungen und Gefühle?
„Familie und Liebe“ lautet der Titel eines Forschungsprojektes, das von der Ernst-Freiberger-Stiftung initiiert wurde. 34 international renommierte Wissenschaftler widmen sich dabei den verschiedenen Aspekten der Familienkultur. Im Rahmen der „Ameranger Dispute“ wurde nun eine Zwischenbilanz präsentiert. Sechs Forscher stellten am Freitag im oberbayerischen Amerang ihre Erkenntnisse vor, mit Schwerpunkten wie familiäre Fürsorge, interkultureller Vergleich von Generationenverhältnissen und die Rolle der ökonomischen Randbedingungen.
Ernst Freiberger eröffnete als Vorstand der Stiftung den Reigen der Vorträge mit der Feststellung, die Trias Vater, Mutter, Kind sei ein Grundklang des Humanums. Insofern sei der Diskurs über die Gründe für dysfunktionale Familien und die Suche nach Lösungsansätzen auch eine Frage der gesellschaftlichen Überlebensfähigkeit.
Sehnsucht nach Geborgenheit
Hans Bertram, Soziologe an der Humboldt-Universität Berlin, exponierte danach die Zentralthemen des Forschungsprojekts. Er konstatierte zunächst einen Bedeutungsverlust der Familie, die immer mehr unter der Asynchronität von Berufs- und Familienrhythmen leide. Besonders die Rolle der Väter ändere sich. Immer weniger Männer hätten Kinder oder lebten mit ihrem Nachwuchs zusammen. Die Erziehung und Versorgung der Kinder, so Bertram, obliege trotz aller Emanzipationsbewegungen daher verstärkt den Frauen.
Therapieoptionen für die zerfallende Familie sieht er kaum. Dabei betonte er, dass der Staat niemals auffangen könne, was einst in der Familie geleistet wurde: ein Netz zu knüpfen, das die Versorgung aller Generationen garantiere, von der Kinderbetreuung bis zur Pflege der Alten. Paradox genug: Die Sehnsucht nach festen Bindungen und familiärer Geborgenheit war nie so groß wie in der Gegenwart. Warum also gelingt es nicht, feste Paarbeziehungen und dauerhafte Familienverbände aufrecht zu erhalten?
Von der Kleinfamilie zur Horde?
Philosoph und Bestseller-Autor Richard David Precht wies in seinem Vortrag auf die neurobiologischen Implikationen von Liebe und Bindung hin. Verliebtheit, so der Autor, sei ein Zustand mit vorhersehbarem Verfallsdatum. So erkläre sich die Tendenz zu instabilen Paarbeziehungen. In der Eltern-Kind-Beziehung dagegen sieht er das Modell einer Liebesform, die Bindung und Verlässlichkeit in nahezu altruistischen Dimensionen zulasse. „Liebe“, so sein Statement, „das heißt, einem anderen Menschen und damit auch sich selbst einen Wert zu verleihen.“ Die Elternliebe lasse dieses zu, trotz aller Widrigkeiten des Alltags. Andererseits warnte er, dass der heutige Kult um die Familie zu hohe Ideale erzeuge, denen sich kaum jemand gewachsen fühle.
Zwei neue Strömungen hielt Precht fest. Zum einen sei ein neues Rollenverständnis der Väter zu beobachten, die sich ehemals weiblich kategorisierten Tätigkeiten zuwendeten, beispielsweise für ihre Kinder kochten und intensiv mit ihnen spielten. Zum anderen sieht er ein neues soziales Modul auftauchen: die spontane Großfamilie auf der Basis von Freundschaften. Die Wahlverwandtschaft löse also die Blutsverwandtschaft ab, mit solidarischem Verhalten, besonders, was die Kinderbetreuung betreffe. Speziell in den Großstädten beobachtet er ein neues Bindungsverhalten, das aus gemeinsamen Interessen und der Fokussierung auf die alltäglichen Herausforderungen bestehe. Letztlich sei das ein Rekurs auf das stammesgeschichtlich belegte Hordenverhalten.
Die unterschiedlichen Thesen wurden äußerst kontrovers diskutiert. Doch über die Quintessenz waren sich alle Teilnehmer einig: Der im Wandel begriffene Mikrokosmos Familie bringt nicht nur veränderte Lebensformen mit sich, er ist auch eine Aufforderung, neue gesellschaftspolitische Konzepte zu entwickeln. Wer mehr erfahren möchte: Im Frühsommer 2011 wird eine Publikation erscheinen, in der die Forschungsergebnisse detailliert nachzulesen sein werden.
Artikel erschienen unter:
focus online - "Das Verfallsdatum der Liebe" von Christine Eichel
